Muzeum Susch

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AUSSTELLUNG

Mariuccia Secol:

Unraveling

Kuratiert von

Monika Branicka und Eva Brioschi

 Offizielle Eröffnung: 11. Juni 2026

Mariuccia Secol 
 Mariuccia Secol. Die 1980er-Jahre. Fotograf unbekannt

Die Dehnungsstreife meines Werkes, symbolisch und schmerzhaft gezeichnet durch die Schwangerschaft und meine Erfahrung als Frau, wird in den folgenden Werken – fast immer auf schwarzem Hintergrund – eingehend verarbeitet werden.

Die schwarze Muschelseide (Byssus) nimmt dabei eine wichtige Funktion ein, denn durch den Riss der Dehnungsstreifen, fast wie eine Aushöhlung, erscheint das Licht, erscheint das Bild, erscheint das Wissen.

Mariuccia Secol 

Mariuccia Secol: Unraveling, die erste grosse institutionelle Retrospektive, die der vielseitigen italienischen Künstlerin und Aktivistin Mariuccia Secol (*1929) gewidmet ist, umfasst über siebzig Jahre ihres künstlerischen Schaffens und bietet einen umfassenden Einblick in ein Werk, das radikalen Feminismus, gesellschaftliche Kritik und historische Wiederaneignung miteinander verbindet.

Die Ausstellung zeichnet Secols Entwicklung nach, beginnend mit ihren frühen Gemälden der 1950er und 1960er Jahre, die von existenziellen Sujets und Kriegstraumata geprägt sind (Burnt Cities, Holocaust). Ein signifikanter und anhaltender Einfluss ist ihre Tätigkeit als Lehrerin im Malatelier des psychiatrischen Krankenhauses Bizzozero-Varese (1965–1988) in einer Zeit des radikalen Wandels, massgeblich geprägt durch die Ideen des revolutionären italienischen Psychiaters und Neurologen Franco Basaglia. In diesem marginalisierten Umfeld erkannte Secol, dass Kreativität als Werkzeug zur Selbstbestimmung und Heilung dienen kann.

Mariuccia Secol, Zerstückelung (Smembramento), 1965, Ölpastell auf Papier, 50 x 43 cm. © Mariuccia Secol. Photo: Magdalena Typiak.
Mariuccia Secol, Zerstückelung (Smembramento), 1965, Ölpastell auf Papier, 50 x 43 cm. © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak

Beeinflusst vom Protestklima des Jahres 1968 und den aufkommenden feministischen Bewegungen integrierte Secol Methoden des politischen Drucks, wie etwa Streiks, in ihre künstlerische Praxis: So legte sie die „stillen Pinsel“ nieder, um mit Alltags- und Haushaltsmaterialien wie Schürzen und Metallschwämmen zu arbeiten, die sie als „Instrumente der weiblichen Rolle“ bezeichnete und die für sie zum Rohstoff für einen Akt der Verweigerung wurden. Die ikonische Serie The Doll's House (1970–73), für die sie ihre eigene Kleidung zerlegte (einschliesslich ihres Hochzeitskleides), manifestierte ihre radikale Ablehnung der traditionellen Rollenzuweisungen als Ehefrau und Mutter.

Ein zentraler Fokus der Ausstellung liegt auf den Jahren des Aktivismus der feministischen Gruppe Immagine aus Varese, die 1974 von Secol zusammen mit Milli Gandini und Mirella Tognola gegründet wurde (später kamen Silvia Cibaldi, Clemen Parrocchetti und Mariagrazia Sironi hinzu). Die Gruppe schloss sich der weltweiten Kampagne für Lohn für Hausarbeit an und nahm an den wichtigsten kollektiven Versammlungen der Bewegung teil.

Die Barierren (Barriers), Die Ausstellung in der Galerie Porta Ticinese in Mailand im Rahmen der Veranstaltung Mezzo Cielo (Die Hälfte des Himmels), 21 April – 12 Juni 1978.  Links: Werk von Mariuccia Secol Die Barrieren, Garn 180 x 180 x 180 cm; rechts: Milli Gandini, Kreuzstich. Mit freundlicher Genehmigung des privaten Archivs der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak
Die Barierren (Barriers), Die Ausstellung in der Galerie Porta Ticinese in Mailand im Rahmen der Veranstaltung Mezzo Cielo (Die Hälfte des Himmels), 21 April – 12 Juni 1978. Links: Werk von Mariuccia Secol, Die Barrieren, Garn 180 x 180 x 180 cm; rechts: Milli Gandini, Kreuzstich. Mit freundlicher Genehmigung des privaten Archivs der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak

Zudem dokumentiert die Retrospektive die historische Teilnahme der Gruppe an der Biennale von Venedig 1978 und betont die Entwicklung von Secols einzigartiger Formensprache, die auf der Idee der „Verweigerung“ (Refusal) basiert. Anstatt den Stoff durch Weben zu verdichten, entfernt Secol Fäden aus der Gewebestruktur. Die so entstehenden Leerstellen und Risse symbolisieren die Wunden des weiblichen Körpers, wie Schwangerschaftsstreifen, und lassen das Licht hervortreten und mit ihm das Selbstbewusstsein, das aus dem Hineinhören in das eigene Innere erwächst. In Bezug auf diese Technik hat der Ausstellungstitel (Unraveling – Entwirren/Auflösen) eine doppelte Bedeutung: Er steht auch für Problemlösung, das Freisetzen kreativer Kraft, Befreiung und die emanzipatorische Loslösung vom Patriarchat. Reife Werke wie Animus-Anima (1982) und Woman bridge (1989) zeigen, wie die menschliche „Faser“ (die Materie) dekonstruiert wird, um Raum für Gedanken zu schaffen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich Secols Arbeit zu einer globalen Kritik ausgeweitet, die Themen wie Migrationskrisen, internationale Konflikte und den ökologischen Kollaps anspricht. Secol war ihrer Zeit voraus, indem sie eine Form der Intersektionalität entwickel-te, die den Kampf der Frauen mit der Verteidigung aller marginalisierten oder unterdrückten Identitäten verbindet. Mariuccia Secol: Unraveling ist mehr als nur eine Ausstellung; sie präsentiert ein „rebellisches Archiv“, das die etablierte Kunstgeschichte herausfordert und die Narrative über das letzte Jahrhundert erweitert.

von links: 1. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 1) (Casa di bambola [No. 1]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken,  Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 170 x 77 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak 2. Mariuccia Secol, Puppenhaus. Das Hochzeitskleid (Casa di bambola. Abito di sposa), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, 173 x 97 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Gisela Clement. Foto: Mareike Tocha 3. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 5) (Casa di bambola [No. 5]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Leinwand, Fell, Blumen, 137 x 57 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak
von links: 1. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 1) (Casa di bambola [No. 1]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 170 x 77 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak 2. Mariuccia Secol, Puppenhaus. Das Hochzeitskleid (Casa di bambola. Abito di sposa), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, 173 x 97 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Gisela Clement. Foto: Mareike Tocha 3. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 5) (Casa di bambola [No. 5]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Leinwand, Fell, Blumen, 137 x 57 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak

Ein Grossteil der gezeigten Werke wurde in den letzten Jahrzehnten nicht mehr oder noch nie zuvor öffentlich ausgestellt. Der Hatje Cantz Verlag veröffentlicht einen umfassenden monographischen Katalog mit Texten von Monika Branicka, Eva Brioschi, Maria Bremer, Sonia D’Alto, Janis Jefferies, Marco Scotini sowie einem Interview mit Manuela Gandini.

Diese Retrospektive steht im Einklang mit dem Gründungsauftrag des Muzeums Susch: Künstlerinnen der internationalen Avantgarde, die übersehen, verkannt oder missverstanden wurden, hervorzuheben, ihnen eine Bühne zu bieten und die gleiche institutionelle Anerkennung wie ihren männlichen Zeitgenossen zu verschaffen. Mariuccia Secol, deren Werk lange Zeit aus den vorherrschenden Narrativen ausgeschlossen war, tritt hier als eine der originellsten Stimmen der italienischen Nachkriegskunst hervor. Die Schau zeigt eine Künstlerin, die sich bereits frühzeitig Themen wie Ausgrenzung, Marginalisierung, Gewalterfahrung und Ökologie gewidmet hat.

Mariuccia Secol, Wartezimmer / Roter Byssus (Sala d'attesa / bisso rosso), 1988, gerissene und gesteppte Tapisserie auf Cordura und Baumwolle, 170 x 245 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak
Mariuccia Secol, Wartezimmer / Roter Byssus (Sala d'attesa / bisso rosso), 1988, gerissene und gesteppte Tapisserie auf Cordura und Baumwolle, 170 x 245 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak

Mariuccia Secol (geb. 1929 in Castellanza, Varese) ist eine italienische Künstlerin und Aktivistin. Ihre Ausbildung erhielt sie bei Galliano Mazzon und Francesco Fedeli. 1954 liess sie sich in Daverio nieder und etablierte dort einen einflussreichen kulturellen Salon, der als Treffpunkt für Intellektuelle wie Bruno Munari, Enrico Baj und Leonardo Sciascia fungierte. Eine Zäsur in ihrem Schaffen bildete die Leitung des Malateliers im psychiatrischen Krankenhaus Bizzozero (1965–1988), wo sie die psychiatrische Reformbewegung nach Franco Basaglia unmittelbar miterlebte. Im Zuge der 1968er-Bewegung und des aufkommenden Feminismus verschrieb sich Secol einer „Kreativität der Verweigerung“: sie ersetzte die traditionelle Malerei durch Textilien und Haushaltsmaterialien. 1974 war sie Mitbegründerin der feministischen Gruppe Immagine in Varese und engagierte sich in der Kampagne für Löhne für Hausarbeit. Sie entwickelte ein einzigartiges Verfahren des Fadenzugs, bei dem das gezielte Entfernen von Fäden aus dem Gewebe an physische Wunden gemahnt. Ihre Praxis entwickelte sich stetig hin zu einem intersektionalen Engagement, in dem ökologische Krisen, Migration und universelle Gewaltformen thematisiert werden. Secol dekonstruiert tradierte Rollenbilder, um eine neue, kollektive und bewusste Identität zu verweben.

Monika Branicka ist Kunsthistorikerin, Kuratorin, Journalistin und Autorin. Zwischen 2007 und 2019 leitete sie die Galerie ŻAK BRANICKA in Berlin, wo sie über 70 Ausstellungen realisierte, unter anderem zu Roman Opałka, Magdalena Abakanowicz und Agnieszka Polska. Sie war Mitglied des Organisationskomitees des Berlin Gallery Weekend und der abc – art berlin contemporary. Gemeinsam mit Dr. Pirkko Rathgeber konzipierte sie das Oral-History-Projekt „Wir sind Avantgarde!“ für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zu ihren jüngsten Projekten zählen The very first Edition (Neue Nationalgalerie Berlin, 2024), Holy Fluxus. Aus der Sammlung von Francesco Conz (St. Matthäus-Kirche Berlin, 2024), Gabriele Stötzer (galeria Monopol, Warsaw, 2021) und Colette Lumiere. Stories from My Life (Galeria Monopol, Warsaw, 2025). Sie ist Mitglied im Programmrat des Kunstvereins Ost e.V. (KVOST) sowie der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg.

Eva Brioschi ist eine in Turin ansässige Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Sie ist die künstlerische Leiterin der Stiftung Antonio Dalle Nogare in Bozen sowie Kuratorin der Sammlung La Gaia in Busca. Zudem ist sie Vorstandsmitglied des Kulturvereins Carico Massimo in Livorno. Zu ihren jüngsten Ausstellungs- und Publikationsprojekten gehören: Toutité – ILIAZD The Study of Form, Fondazione Antonio Dalle Nogare, Bozen 2025; Show Me Off. Paolo Masi welcomes Servane Mary, Galleria Frittelli, Florenz 2024–2025; Under the Spell of Duchamp, Fondazione Antonio Dalle Nogare, Bozen 2024; Werkstatt. Atelier dell'Errore, Richard Saltoun Gallery, Rom 2024; Ibrahim Mahama. Voli-ni, Eataly Art Foundation, Verona 2022 (Lenz Press, 2022); Henri Chopin. Body Sound Space, Quartz Studio, Turin 2020; Opera Aperta. Open Work, Courtesy Emilia Romagna, Arte Fiera, Bologna 2020; Moving Tales. Video Works from the La Gaia Collection, Kirche San Francesco, Cuneo 2016 (Mousse Publishing, 2016); Landon Metz. Plose (Mousse Publishing, 2015).

International press:

Sutton Comms, London

Sara Kietzmann: sara@suttoncomms.com



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